Mindful eating/Achtsam essen

Mindful eating ist ein Konzept, das uns lehrt, Essen achtsam zu uns zu nehmen und dabei nicht zu vergleichen oder zu urteilen. Ich hab mir das Buch dazu von Jan Chozen Bays angeschaut, welches 2009 zum ersten Mal herausgegeben wurde.

Die Praxis des achtsamen Essens versucht Gegenpol zu sein in einer Welt, in der wir immer häufiger Diäten machen, Nahrungsmittel in gut und schlecht unterteilen und uns oft dafür schämen, wenn wir vermeintlich „zu viel“ gegessen haben. Ziel ist es, wieder zu lernen, alle Nahrung die wir aufnehmen, zu schätzen und achtsam zu genießen.

Ähnlichkeit zum intuitiven Essen

Achtsam essen hat viele Überschneidungspunkte mit dem Konzept des intuitiven Essens, bei dem auch zurückgefunden werden soll zu einem offenen, wertfreien Umgang mit Nahrung. Bei beiden Konzepten soll man sich des Hungers vor dem Essen bewusst werden, wofür man z.B. eine Hungerskala von 0-10 nutzen kann, um zuvor und danach abzuschätzen, wie stark der Hunger ist. Beim achtsamen Essen wird dabei noch spezifischer auf sieben verschiedene Hungerarten eingegangen, die uns dabei unterstützen können, noch genauer hinzusehen, was Hunger aulöst und wo genau sich der Hunger befindet. Diese sieben Hungerarten sind:

  • Augenhunger Augenhunger empfinden wir, wenn wir ein lecker angerichtetes oder als wohlschmeckend bekanntes Gericht sehen. Auch wenn wir eigentlich völlig gesättigt sind, kann Augenhunger uns dazu bringen, weiter essen zu wollen oder er kann Appetit auf ein bestimmtes Lebensmittel/Gericht in uns auslösen, den wir zuvor nicht hatten, zum Beispiel wenn wir eine Kochsendung sehen.
  • Nasenhunger Nasenhunger entsteht, klar, durch gute Gerüche. Genau wie Augenhunger kann die Nase bei uns dafür sorgen, dass wir etwas essen möchten, unabhängig davon, ob der Rest des Körpers tatsächlich Hunger hat.
  • Mundhunger Mundhunger ensteht durch Geschmack, den wir lieben oder durch das befriedigende Gefühl von Texturen im Mund, die wir mögen. Wenn wir beispielweise eine Vorliebe für salzige Chips haben, dann möchten wir sie gerne essen, weil wir den Geschmack und das knusprige Gefühl im Mund schätzen.
  • Magenhunger Magenhunger kennen wir als „klassischen“ Hunger mit Magenknurren und Sehnsucht nach Essen.
  • Zellhunger Zellhunger ist Hunger auf Nährstoffe, die wir gerade für unsere Zellen benötigen. Diesen Hunger spüren wir,  wenn der Körper uns sagt, welche Nahrung er gerade braucht. Einfaches Beispiel: Uns fehlt Magnesium und wir bekommen Lust auf Bananen. Dieser Hunger kann je nachdem schwer erkannt werden, aber durch Übung und achtsames in den Körper hineinhören trainiert werden.
  • Geistiger Hunger Geistiger Hunger ist die Stimme der Vernunft! Sie sagt uns beispielsweise, dass wir bestimmte Nahrungsmittel dringend mal wieder essen sollten, weil sie uns fehlen. Der geistige Hunger wird stark von außen und der sich ständig wandelnden Lebensmittelempfehlungen beeinflusst.
  • Herzhunger Damit ist Hunger auf Gerichte oder Nahrungsmittel gemeint, die uns ein wohliges Gefühl geben oder trösten, etwa Kindheitsgerichte oder Essen, das wir mit geliebten Menschen und Erlebnissen verbinden. Hier steht nicht das Gericht an sich, sondern die emotionale Verbindung dazu im Fokus.

Für alle Hungerarten gibt es im Buch Übungen, die dabei helfen, sie zu erkennen und zu stillen. Sie sind ein super Tool, um noch besser zu durchschauen, wieso wir auf etwas Appetit/Hunger haben, besonders da wir das manchmal gar nicht greifen können. Weshalb habe ich nur schon wieder Hunger, obwohl ich schon gegessen habe? Vielleicht liegt es an einer der sieben Hungerarten, die dir erstmal gar nicht so offensichtlich erschien!

Achtsam essen

Jan Chozen Bays: Achtsam essen

Generell ist das Buch gespickt mit anwendbaren Übungen, mit denen wir die eigene Achtsamkeit beim Essen trainieren können. Es zeigt Wege auf, wie man den Herzhunger stillen kann, ohne zu essen, wie man sich dem Herstellungsprozess des Essens bewusst machen kann oder wie man lernt, auch in Gesellschaft achtsam zu bleiben (etwas, das mir schwerfällt). Auch darüber hinaus gibt es wertvolle Impulse und tiefe Einblicke in ein achtsamer gestaltetes Leben. Es ist sehr anwendbar und bietet eine super Unterstützung dafür, achtsames Essen und Leben auszuprobieren – also eigentlich viel mehr als ein gewöhnliches Buch zum Thema Essen. Dafür Daumen hoch!

Meine Einschätzung

Jedoch bin ich etwas skeptisch wenn ich das Buch aus der Perspektive einer „jahrelangen Diäthaltenden“ betrachte. Denn: Es wird zwar das Essen nicht beurteilt, aber Jan Chozen Bays spricht beispielsweise davon, Gelüste zu überwinden, vom Konzept der rechten Menge oder von der Energiebilanz. Das ist natürlich reine Spekulation, aber bei mir entstand der Eindruck, dass die Autorin den Kampf mit Diäten, Gewicht und allem drumherum nicht aus eigener Erfahrung kennt. Was super für sie ist, aber: Sie kann dadurch vielleicht nicht die Antworten liefern, die manche von uns brauchen.

Alles, was sie schreibt, ist einleuchtend, doch ich persönlich bin davon überzeugt, dass man sich nach Zeiten jahrelanger Diät und Einschränkungen erstmal kompromisslos alles erlauben sollen dürfte. Wenn man Lust auf einen Donut hat (ihr Beispiel für Gelüste, die sie überwunden hat): Go for it! Und wenn du jeden Tag einen Donut isst, irgendwann wirst du ihn nicht mehr wollen. Irgendwann hast du verstanden: Ich darf jetzt alles essen und es gibt keine guten oder schlechten Nahrungsmittel mehr. Und das ist der Moment, auf den wir hinarbeiten: So lange alles zu essen, was man möchte, bis man sich ganz sicher sein kann, dass die Zeit der Entbehrungen nun vorbei ist. Anschließend hat man immer noch Zeit, um sich so etwas wie die rechte Menge (was aus gesundheitlicher Sicht sicher einleuchtend ist) oder Gelüste überwinden zu eigen zu machen.

Für wen ist das Konzept geeignet?

Für wen das Konzept meiner Ansicht nach etwas ist: Für Menschen, die Meditation, einer Dankbarkeitspraxis und einem zenbasierten Ansatz gegenüber aufgeschlossen sind. Für alle, die eher etwas asketisch eingestellt sind und nicht gleich in Panik verfallen, wenn sie auf etwas verzichten sollen.

Für wen das Konzept erst später etwas sein könnte: Für Menschen, die schon ewig auf Diät sind, sich ständig fragen, ob sie zugenommen haben oder nicht, dauernd überlegen, was sie noch essen dürfen usw. usw. Sprich: Für Leute, die so sind wie ich früher. Für euch alle empfehle ich als Einstieg intuitives Essen ohne Einschränkungen.

Trotzdem gibt’s eine klare Leseempfehlung von mir, da das Buch voller tiefer Weisheit über Achtsamkeit, Dankbarkeit und unser gesellschaftlich-verkorkstes Verhältnis gegenüber Essen steckt! Wenn du dich für das Thema interessierst und dich gerne austauschen möchtest, kann ich dir die Facebook-Gruppe von Kira Siefert empfehlen: Soulfood Life – Achtsam Essen und Leben (Link). Kira ist ausgebildete systemische Coach und hat es sich nach ihrer eigenen Essstörung zur Aufgabe gemacht, anderen Menschen mit problematischem Essverhalten zu helfen. Das macht sie mit ganz viel Herz und Seele! Vor ein paar Wochen hat Kira am Teacher Training von Jan Chozen Bays und Char Wilkins teilgenommen, das vollständig auf Selbsterfahrung beruht, sie ist also eine echte Expertin. 🙂

Und falls du mir ein Feedback zu der Thematik geben möchtest, freu ich mich auf einen Kommentar oder eine Nachricht von dir.

Quellen:

Jan Chozen Bays: Achtsam essen: Vergiss alle Diäten und entdecke die Weisheit deines Körpers. Arbor Verlag 2009.

https://www.thecenterformindfuleating.org/

4 Gedanken zu “Mindful eating/Achtsam essen

  1. Mira schreibt:

    Total spannendes Konzept, vor allem dass es da diese verschiedenen Hunger-Arten gibt ist für mich komplett neu! Ich dachte, wenn ich hunger habe, habe ich hunger und ich brauche einfach etwas zu essen.
    Ich denke, dass ein gesunder, bewusster Umgang mit Nahrung extrem wichtig für und ist und ich trau mich sogar so weit zu gehen, dass ich sagen kann, dass ich diesen Weg für mich gefunden habe. Aber ich habe keine Ahnung wie ich dort hingekommen bin. Ich verbiete mir selbst nichts. Das was ich möchte, das esse ich. Ich halte keine Diäten und bin überzeugt dass eine ausgewogene Ernährung das A und O ist. Sich versuchen mit strengen Modellen an „gesunde Ernährung“ zu gewöhnen finde ich problematisch, denn so wird der Heißhunger nie weggehen.
    Alles Liebe,
    Mira

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    • noemiallsmiles schreibt:

      Hallo Mira, danke für dein Feedback! 🙂 Ich finde die Hungerarten insofern logisch, dass sie einem eine Begründung dafür liefern können, weshalb wir manchmal scheinbar aus dem nichts auf etwas Appetit/hunger haben, abseits vom „richtigen“ Hunger mit Magenknurren etc. Deine Ernährung hört sich für mich sehr inuitiv an – find ich super und genau so seh ich das auch. Ausgewogenheit ist das Wichtigste und Verbote führen meist zum Gegenteil. 🙂
      Viele Grüße
      Noemi

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  2. Nicole Hoenig schreibt:

    Im ursprünglichen Achtsamkeits-Konzept geht es darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen und dann dazu zu stehen. Wenn Du in Dich hineingehört hast und bewusst entscheidest, einen Donut zu essen, dann ist das völlig in Ordnung! Es geht vor allem darum, unseren Autopiloten auszuschalten. Das kommt in diesem Buch vielleicht nicht so heraus. Ich empfehle Dir die Bücher von Thich Nath Hanh, z.B. ‚Achtsam essen – achtsam leben‘. Ich arbeite selbst mit Achtsamkeitsübungen in meiner Praxis und mache gute Wrfahrungen damit. Viele Grüße! Nicole

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